Der frühere Kettler-Betriebsrat Jürgen Borghardt hat den Arbeitskampf über Jahre begleitet und in unzähligen Sitzungen hart um die Jobs gestritten. Oft hieß es: „Das Roulette geht wieder los!“

Kamen

, 17.10.2019, 13:40 Uhr / Lesedauer: 3 min

Jürgen Borghardt hat über 45 Jahre für Kettler gearbeitet. Der frühere Gesamtbetriebsrat, der lange von Kamen aus agierte, ist mittlerweile im Ruhestand.

Die jüngsten Entwicklungen hat er aus der Ferne verfolgt, wie er auf Anfrage unserer Redaktion sagte. Angenehm ist es ihm nicht, darüber zu sprechen. „Aber es ist ein traurige Geschichte, wenn irgendetwas, das so lange da war, nicht mehr existieren wird.“

Erfahren hat er von dem Aus am Montag über das Internet. „Und dann aus der Presse.“

„Das Roulette geht wieder los!“: Dieser Mann kämpfte jahrelang bei Kettler um die Jobs

Der damalige Betriebsratsvorsitzender Jürgen Borghardt (r.) und IG Metall-Sekretär Torsten Kasubke im Jahr 2016 bei einer Betriebsversammlung der Firma Kettler in der Werler Stadthalle. © Stefan Milk

Überlebenskampf über Jahrzehnte geführt

Er war in den vergangenen Jahren nicht mehr nah dran an dem taumelnden Unternehmen, das in den vergangenen 15 Jahren ums Überleben kämpfte.

Diesen Überlebenskampf hat er allerdings entscheidend mitgestaltet, in stundenlangen Gesprächen mit der Geschäftsführung und den weiteren Betriebsratsvorsitzenden der Standorte in Werl, Ense und Hanweiler im Saarland.

Immer wieder konfrontiert mit der drohenden Standortschließung Kamens, immer wieder vor Augen, dass viele Kollegen ihren Arbeitsplatz verlieren könnten. Immer wieder handelte er mit den Vertretern der IG Metall Kompromisse aus, die das Überleben auf Zeit sicherten.

„Unsere komplette Konkurrenz fertigt im Ausland – in Asien und Osteuropa“, hatte Jürgen Borghardt den Grund der Absatzkrise Kettlers benannt. Das war 2004. „Wir sind das einzige Unternehmen in diesem Segment, das noch in Deutschland herstellt.“ Erschwerend dazu kam die damalige Kaufzurückhaltung der Kunden: „Wir produzieren eben Luxusartikel.“

„Das Roulette geht wieder los!“: Dieser Mann kämpfte jahrelang bei Kettler um die Jobs

Immer wieder stand Kettler in den vergangenen Jahren im Blickpunkt. Nun geht die traditionsreiche Geschichte zu Ende. © Stefan Milk

Immer wieder von heftigen Einschnitten geprägt

Die vergangenen 15 Jahre waren immer wieder von heftigen Einschnitten geprägt. Im Jahr 2005 handelte er mit der Geschäftsführung einen Beschäftigungspakt aus, den die damals noch 1700 Beschäftigten der Standorte Ense, Werl, Kamen und Hanweiler mehrheitlich mitgetragen hatten.

In geheimer Abstimmung hatten 94 Prozent zugestimmt. Das Urlaubs- und Weihnachtsgeld war auf 75 Prozent zurückgefahren worden, die Mitarbeiter arbeiteten zusätzlich drei Stunden wöchentlich unentgeltlich. Stunden, die auf einem Sonderkonto gutgeschrieben wurden.

Bei wirtschaftlichem Aufschwung sollten die Überstunden entsprechend vergütet werden, ein Effekt, der schnell verpuffte, weil schon 2006 Kurzarbeit verordnet wurde. Statt 36 Stunden arbeiteten die Mitarbeiter nunmehr 26 Stunden.

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Fast beschlossenes Aus doch noch abgewendet

Ein Ende der Kurzarbeit war auch Monate danach nicht in Sicht. „Die Kurzarbeit wird sich weiter hinziehen. Mit allen Höhen und Tiefen.“ Höhen und Tiefen? „Einerseits die zwangsfreie Zeit, die man hat. Anderseits fehlt das Geld in der Lohntüte. Das ist nun mal so“, sagte Borghardt damals.

Die Situation sollte sich kurz darauf weiter verschlimmern, als zur Betriebsversammlung in die Kamener Stadthalle eingeladen und plötzlich das Aus des Produktionsstandorts verkündet wurde. Damals noch 256 Kamener Beschäftigte erfuhren das bei einer emotionalen Versammlung. Auch geschickten Verhandlungen Borghardts war es zu verdanken, dass die Geschäftsführung dann doch noch von den Schließungsplänen absah. Schmerzhafte Augenblicke aber dennoch für den Betriebsrat: Das Personal wurde auf 200 reduziert.

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„Und plötzlich ist man nicht mehr dabei“

Der nächste Tiefschlag für die Mitarbeiter folgte im Jahr 2009, als endgültig das Aus für das Kamener Kettler-Werk verkündet wurde.

Es folgten mühsame Verhandlungen hinter verschlossenen Türen, um in der Krise die Weichen zu stellen. Es ging darum, den Produktionsstandort doch noch zu erhalten, eine Insel-Lösung für Kamen, so Borghardt, wolle man nicht.

Doch der Arbeitgeber blieb hart. Mitte des Jahres lief die Produktion in Kamen aus, die zweite Stufe des Personalabbaus griff und, so Borghardt damals: „Dann geht das Roulette wieder los.“

Die Stimmung war fortan im Werk des öfteren „missmutig“, wie Borghardt sagte, der jetzt vor der endgültigen Schließung noch in den Ruhestand gehen konnte. Seine Aussage über die Frustration der Kettlerianer trifft auch heute noch zu auf die Entwicklungen, bei denen immer wieder Mitarbeiter gehen mussten.

Immer wieder nach harten Verhandlungen, oft bis in die Nacht. „Das ist doch klar – viele haben damit gerechnet, dass der Kelch noch einmal an ihnen vorüber geht. Und plötzlich ist man nicht mehr dabei. Das ist nicht einfach!“

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