Bundeswehr sauer: Betretungsverbot für den „Truppi“ wird konsequent missachtet

dzGefahr durch Giftraupen

Der Eichenprozessionsspinner frisst sich durch Holzwickede. Wegen der Raupe und ihren giftigen Haaren ist auch der Übungsplatz in Hengsen gesperrt. Zum Leidwesen der Bundeswehr wird das Betretungsverbot konsequent ignoriert.

Holzwickede

, 09.07.2020, 04:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Da kennt die Ignoranz keine Grenzen: Selbst als man am vergangenen Dienstag rund um den Standortübungsplatz die Zuwege mit Flatterband absperrte und zusätzliche Warnhinweise aufhängte: „Selbst dann gab es noch Spaziergänger, die auf uns zukamen und doch gerne mal die Raupennester sehen wollten“, sagt Hauptfeldwebel Walloch kopfschüttelnd.

Seit rund drei Jahren ist er für den Standortübungsplatz der Bundeswehr in Hengsen verantwortlich. Er koordiniert die Übungen vor Ort, beispielsweise Geländefahrstunden des Ausbildungszentrums für Kraftfahrer der Glückauf-Kaserne in Unna-Königsborn. Walloch ist aber auch Ansprechpartner für nicht-militärische Angelegenheiten, kümmert sich etwa um Verpachtung der Wiesenflächen für Landwirte.

An vielen Zuwegen lässt sich der „Truppi“ auf großen Tafeln überblicken. Auch finden sich hier Infos zu Flora und Fauna und dem Schutzstatus des Areals.

An vielen Zuwegen lässt sich der „Truppi“ auf großen Tafeln überblicken. Auch finden sich hier Infos zu Flora und Fauna und dem Schutzstatus des Areals. © Greis

Standortübungsplatz

Erlaubt und nicht erlaubt

Als Naherholungsgebiet ist der „Truppi“ prinzipiell für die Zivilbevölkerung zugänglich. Dabei gilt: auf den Wegen bleiben. Wer mit Hund unterwegs ist, leint diesen an. Das geht nicht:
  • Betreten des Übungsplatzes während der Übungszeiten (Aushänge an den Zugängen)
  • Verlassen der befestigten Wege
  • Hunde unangeleint laufen zu lassen
  • Baden in den Gewässern/Teichen
  • Unbefugtes Befahren des Übungsplatzes mit
  • Kraftfahrzeugen, Motorrädern, Fahrrädern, Mountainbikes etc.
  • Reiten auf dem Standortübungsplatz
  • Grillen, Zelten und Feuer machen
  • Angeln und die Jagd ohne besondere Erlaubnis
  • Modellsport betreiben oder Drachen fliegen lassen
  • jegliche gewerbliche Nutzung des Geländes
  • Abstellen von Fahrzeugen in den Zufahrtsbereichen (Feuerwehrzufahrt)

In seinen drei Jahren als Zuständiger für den Übungsplatz hat er schon so manche Missachtung der geltenden Regeln für Besucher erlebt. Drohnenflieger, Hundeschulen, Moto-Crosser, Grillpartys – nur eine Auswahl illegaler Aktivitäten, die hier stattfinden.

Was erlaubt ist, ist dabei recht simpel zu umreißen: Laufen. Auf den Wegen. Gerne auch mit Hund. An der Leine. „Manchmal glaube ich, die Leute verstehen nicht, dass wir als Bundeswehr das Areal noch aktiv und regelmäßig nutzen.“

Für Soldaten in der Ausbildung sei es nicht ohne, einen tonnenschweren Lkw durch Gelände zu manövrieren und plötzlich tauchen Wanderer oder Radfahrer vor der Windschutzscheibe auf. Fahrübungen finden dabei nahezu wöchentlich auf dem von den Einheimischen liebevoll „Truppi“ genannten Gelände statt. Dann weisen entsprechende Hinweise an den Eingängen auch darauf hin.

Spaziergänger zerreißen die Absperrbänder

Ebenso wenn Kompanien des Versorgungsbataillons oder Aufklärer in Zugstärke hier üben. Bei all diesen Aktivitäten ist das Bundeswehr-Übungsgelände per se für die Zivilbevölkerung tabu. Walloch weiß aus Erfahrung, dass sich die Menschen oft nicht daran halten.

Und auch der Eichenprozessionsspinner hält Spaziergänger und Co. nicht vom Betreten ab. Offiziell hat Hauptfeldwebel Walloch das rund 250 Hektar große Areal bis einschließlich 31. Juli gesperrt. Bis dahin sollen Nester entlang der Wege entfernt werden. Erst zum Wochenstart wurden die Absperrungen erneuert. Tags darauf waren sie schon wieder zerrissen.

Unter den Standard-Hinweistafeln der Bundeswehr hängen aktuell auch Hinweise, die vor den Gesundheitsgefahren durch den Eichenprozessionsspinner warnen.

Unter den Standard-Hinweistafeln der Bundeswehr hängen aktuell auch Hinweise, die vor den Gesundheitsgefahren durch den Eichenprozessionsspinner warnen.

Dabei hat man bei der Bundeswehr grundsätzlich kein Problem damit, den Standortübungsplatz der Zivilbevölkerung als Naherholungsgebiet zugänglich zu machen. Aber die geltenden Regeln, die unübersehbar an den Zuwegen aushängen, müssen beachtet werden. Zu den militärischen Verhaltensregeln kommen auch die zum Naturschutz. Das Kerngebiet rund um das Hengser Bachtal ist schließlich Naturschutz- und der Außenbereich ein Landschaftsschutzgebiet.

Weil sich auch der seltene Eisvogel sowie diverse Bodenbrüter hier wohlfühlen und Wildtiere einen Rückzugsort finden, ist es für den Hundebesitzer Walloch ein Unding, dass der Leinenzwang oft missachtet wird. „Es ist ja nicht so, dass wir in der Vergangenheit keine Unfälle durch aufgeschrecktes Wild auf den angrenzenden Straßen hatten...“

Alleine fünf Hinweisschilder und Infotafeln weisen an diesem Eingang zum Standortübungsplatz auf die geltenden Regeln hin. Hier kann niemand behaupten, er hätte „etwas übersehen“.

Alleine fünf Hinweisschilder und Infotafeln weisen an diesem Eingang zum Standortübungsplatz auf die geltenden Regeln hin. Hier kann niemand behaupten, er hätte „etwas übersehen“. © Greis

Begriffsdefinition

„Truppi“ versus „Standi“

  • Auch wenn er umgangssprachlich liebevoll „Truppi“ genannt wird: Das rund 250 Hektar große Gelände der Bundeswehr ist offiziell ein Standortübungsplatz.
  • Diese liegen meist in der Nähe von Kasernen und dienen je nach Charakteristik meist speziellen Ausbildungsinhalten. Manche sind öffentlich zugänglich, andere sind Sperrgebiet.
  • Truppenübungsplätze sind in der Regel großflächige Areale mit eigenen Truppenlagern, die es Soldaten verschiedener Streitkräfte und Gattungen erlaubt, Gefechtssituation zu simulieren.

Wer sich nicht an die Regeln hält und erwischt wird, muss mindestens mit Platzverweis und einer Ordnungswidrigkeitenanzeige rechnen. „Wir sind da auch hinterher“, sagt der Hauptfeldwebel. Klar ist aber auch: Nur wer auf frischer Tat erwischt wird, kann belangt werden.

„Daher haben wir immer auch engen Kontakt zum Bundesförster, zur Gemeinde, zum Kreis Unna und den zuständigen Umweltbehörden“, so Walloch. Und auch zur Polizei: „Das ist Militärgebiet, da liegt die Hoheitsgewalt bei uns. Ich habe schon Leute zum Ausgang begleitet und der Polizei übergeben.“

Bundeswehr könnte Zugang zum „Truppi“ gänzlich untersagen

Walloch setzt darauf, dass sich die Menschen an die geltenden Regeln halten und verweist darauf, dass der Standortübungsplatz Hengsen-Opherdicke in den kommenden Jahren für die Ausbildung eher noch an Bedeutung gewinnt. „Wir könnten das Gelände jederzeit komplett für die Bevölkerung sperren. Das wollen wir aber nicht, denn wir sind für ein Miteinander.“ Dazu gehört aber auch, dass Absperrungen und geltende Regeln geachtet werden.

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